Die hybride Vermögensanlage ist die Basis für bionische Ansätze

Kim Y. Mühl
4 min readJul 19, 2021

Die Finanzwelt wird immer komplexer

Laut einer von Forbes Insights und Temenos durchgeführten Umfrage bei 35 High-Net-Worth-Individuals unter 50 Jahren sind die Hauptgründe, die Kund:innen dazu veranlassen, ihre/n Vermögensverwalter:in zu verlassen: schlechte Anlageergebnisse (59 %); das Ausscheiden von bestimmten Mitarbeiter:innen in Schlüsselpositionen der Vermögensverwaltung (45 %); ein Mangel an Transparenz und begrenzte Kontrolle über das eigene Investmentportfolio (34 %); sowie unzureichende von der Vermögensverwaltung eingesetzte Technologie (31 %). In anderen Worten zählen insb. die Rendite und der persönliche Kontakt. In diesem Zusammenhang wünschen sich die Kund:innen, transparent an den Prozessen und Entscheidungen beteiligt zu werden und selbstbestimmt mitzuwirken. Die eingesetzte Technologie spielt hingegen eine vergleichsweise untergeordnete Rolle, denn die wenigsten Kund:innen haben Einsicht in die Middleware und das Back-end — obgleich ein schwacher Digitalisierungsgrad i.d.R. die Performance negativ beeinflusst: Die hoch komplexe Vermögensanlage kann nicht länger effektiv mit rein analogen Ansätzen bewältigt werden. Unter der erhöhten Kosten- Prozess und Performance-Ineffizienz leiden sowohl die Kund:innen als auch das Finanzunternehmen.

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Das Hybridmodell verspricht Erfolg

Im Unterschied zur traditionellen Vermögensberatung und -verwaltung kommt die voll-digitale Robo Advisory (fast) ohne den Menschen aus und ist in der Lage, mit den technischen Herausforderungen unserer Zeit problemlos zurechtzukommen. Allerdings vermisst sie dabei wesentliche menschliche Werte. Beide Ansätze sind nicht optimal und m. E. auch weder sinnvoll noch wünschenswert.

Im digitalen Zeitalter erwarten Kund:innen jederzeit und überall kostengünstigen Zugang zu Informationen, Produkten und Dienstleistungen. Gleichzeitig erwarten sie aber auch eine persönliche Finanzberatung zu komplexen Themen und Fragestellungen. Dies eröffnet die Möglichkeit, bzw. Notwendigkeit, flexiblere hybride Geschäftsmodelle einzuführen.

Der hybride Ansatz kombiniert wesentliche Aspekte eines traditionellen, von Berater:innen gesteuerten, Angebots mit der Effizienz und Zugänglichkeit automatisierter digitaler Plattformen. Das Hybridmodell unterstützt zudem die wachsenden Erwartungen der Kund:innen, dass Finanz- und Versicherungsprodukte leichter verständlich und zugänglich sein müssen.

Durch die Konsolidierung von Finanzinformationen auf einer zentralen Plattform können Kund:innen Portfolios über alle Konten, Produkte und Anlagelösungen hinweg planen und überwachen. Ein flexibleres Geschäftsmodell führt auch zu einer größeren Elastizität der Gebührenstrukturen, sodass die Kund:innen genau für den von ihnen gewählten Service bezahlen können.

Durch das weitgehend automatisierte Management der Finanzprodukte und Kundenportfolios im Hintergrund können Berater:innen ihr bestehendes Geschäft ausbauen, indem sie sich auf die Finanzplanung und Kundenbeziehungen konzentrieren und ihr Geschäft skalieren, um einen größeren Kundenstamm zu bedienen. Berater:innen können z.B. jüngere Kund:innen einbinden und ihnen weiterhin kostengünstige Dienstleistungen anbieten, während sie verschiedene Lebensphasen durchlaufen.

Digitale Funktionen verbessern zudem die Kommunikation und Erreichbarkeit erheblich. Diese erhöhte Konnektivität hat den zusätzlichen Vorteil, dass häufigere Interaktionen zwischen den Kund:innen und ihren Ansprechpartner:innen gefördert werden, selbst wenn diese automatisiert sind. Letztendlich kann so die Beziehung intensiviert und das Vertrauen gestärkt werden.

„Aber“, werden Sie vielleicht denken, „dieses Konzept gab es vor zehn Jahren schon, z.B. bei der comdirect. Und dort hat es nicht funktioniert!“. Damit haben Sie zum Teil sogar recht. Doch das liegt u.a. daran, dass damals geschlossene Fonds zum Tragen kamen und dass das Konzept nicht ausreichend kommuniziert wurde. Noch viel wichtiger aber ist, dass der richtige Zeitpunkt noch nicht gekommen war: Die digitalen Systeme, die Menschen entlasten und ergänzen sollten, waren erstens noch nicht so ausgereift und leistungsstark wie heute und zweitens nicht wirklich am Menschen orientiert.

Grundvoraussetzung für die hybride Vermögensanlage ist ein leistungsstarkes Portfoliomanagementsystem

Ein umfassendes Portfoliomanagementsystem ermöglicht den Nutzer:innen die intelligente und automatisierte Erstellung, Anpassung und Optimierung von Portfolios. Moderne Digital Portfolio Management-Systeme kombinieren Funktionen zur Anpassung einzelner Portfolios mit Funktionen zur Anpassung von Strategien und Modellportfolios. Ein gutes Beispiel hierfür ist das FinTech Privé Technologies. Dieses bietet Vermögensverwalter:innen die Möglichkeit, Modellportfolios oder sogenannte vFunds (Privé‘s patentierte Lösung zur Abbildung digitaler Strategien) zu konstruieren und darüber „eine große Anzahl von Portfolios zu steuern, zu überwachen und zu reporten um dann per Knopfdruck Orderingprozesse auszuführen“.

Derartige Funktionen führen i.d.R. zu einer Entlastung der Administration und IT sowie zu einer Steigerung der Performance. Sie sind das Fundament für „echte“ Robo-Advisory und effektive Hybridmodelle. Sie stellen also kein Digiwashing dar, bei dem das Front-end als Robo-Service angepriesen wird, im Hintergrund aber viele Mitarbeiter:innen die Anpassungen der einzelnen Portfolios händisch vornehmen. So können berechtigte Mitarbeiter:innen im Back-end mit geringem Aufwand eine große Anzahl von Kundenportfolios verwalten und auf Wunsch automatisiert ein Rebalancing durchführen und bequem für Berater:innen und Kund:innen Alerts und Reports erstellen.

Besonders interessant werden diese Funktionen in Kombination mit einem Robo- oder Bionic Advisory-Ansatz: Indem sie die Arbeit mit und an diversen Strategien vereinfachen, laden sie geradezu dazu ein, neue bzw. zusätzliche Zielgruppen und Nischensegmente zu bedienen — unter dem Dach der eigenen Marke oder unter einer neuen Marke mitsamt neuem Auftritt und Image.

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In meinem neuen Buch Bionic Wealth erfahren Sie mehr über die neuen hybriden Mischformen der professionellen Vermögensberatung und-verwaltung.

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Kim Y. Mühl
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